Historie

Doch gar nicht so neu: eine kurze Geschichte der Fasernessel

Im Nydam-Moor, etwa 50 km hinter der heutigen dänischen Grenze wurden auf einem germanischen Opferplatz des 3. und 4. Jahrhunderts nach Chr. eine Vielzahl von Pfeilen aus Kiefern- und Eschenholz gefunden, deren Befiederung mit Bastfasern, neben Flachs und Hanf auch denjenigen der Nessel, auf einer Holzteerschicht befestigt wurde.

Aus dem frühen Mittelalter gibt es, so auch von dem Gelehrten Albertus Magnus, eine Fülle von Berichten über die Verwendung von Nesselfasern als Ausgangsmaterial für Segel, Bekleidung und Tauwerk.

Allerdings sind kaum Gewebe oder Seile erhalten; wenn vom Gebrauch verschlissen, wurden sie weggeworfen oder, ab dem Hochmittelalter, dem Lumpensammler für die Papierherstellung verkauft.

Für Bekleidung stand seinerzeit der leichter zu bearbeitende und feiner zu Leinengarn verspinnbare Flachs als Bastfaserpflanze zur Verfügung. Dieser benötigte für den Anbau allerdings die ohnehin sehr begrenzte Ackerfläche, konkurrierte also mit der Nahrungsproduktion. Die Nessel hingegen entstammte der Wildsammlung und beließ dem Bauern so mehr Fläche für Getreide zur Ernährung seiner Familie.

In den Forschungsanstalten des Mittelalters, den Klöstern, versuchte man die Brennnessel zu kultivieren und, ähnlich wie beim Flachs, handwerkliche „Produktlinien“ von der Pflanze bis zum Gewebe zu etablieren – leider ohne durchschlagenden Erfolg.

Im 15. bis 18. Jahrhundert wurden die Nesselfasern überwiegend für technische Gewebe wie beispielsweise Kornsäcke  genutzt oder als Nesseltuch, einem bei der Käseherstellung verwendeten offen gewebten Filtertuch, verwendet.

Es wird vermutet, dass reine Nesselgarne oder -gewebe damals eher die Ausnahme waren und stattdessen Nebenprodukte der Leinenherstellung wie beispielsweise Hechelwerg in Mischung mit Nesselfasern verarbeitet wurden.

In der frühen Neuzeit wurde 1723 in Leipzig eine Nesselmanufaktur gegründet, die jedoch wahrscheinlich dem Druck der wachsenden Baumwolleinfuhr nicht standhalten konnte und bald wieder von der Bildfläche verschwand.

Reagenzglas
Ab etwa 1860 erfolgte eine systematische agrarwissenschaftliche und textiltechnische Beschäftigung mit der Fasernessel. Angefangen mit der Auslese faserreicher Einzelpflanzen über Untersuchung  von Anbaumethoden und Ernteverfahren bis hin zu Dutzenden von Patenten über Faseraufschluss und Spinnen von Nessel.

In Kriegszeiten und damit bei Verknappung von Importfasern, besonders der Baumwolle, gab es bei der Nessel immer wieder kleine Aufschwünge bei der Produktentwicklung und in der Anbaufläche. Im ersten Weltkrieg wurden 1917 belegt 300 ha Nessel angebaut, aus der Zeit des zweiten Weltkriegs sind Aufrufe zur Wildsammlung von Brennnesseln bekannt sowie beispielsweise ein Projekt, mit dem 100 t Fasern von 200 ha Anbaufläche gewonnen wurden, die anschließend zu Uniformen wurden.

Von etwa 1920 bis zum Ende der fünfziger Jahre beschäftigte sich  der Agrarwissenschaftler Prof. Dr. Bredemann  intensiv mit der Nesselforschung und führte alles Wissen in seiner Monographie „Die Große Brennessel, Urtica dioica L. – Forschungen über ihren Anbau zur Fasergewinnung“ zusammen.

Heute gehen fast alle bekannten Stämme der Fasernessel auf die Arbeit von Prof. Bredemann zurück. Seine Auswahl, die durch fortdauernde Stecklingsvermehrung in wesentlichen Teilen erhaltene „Hamburger Sammlung“, ist die Basis für alle heutigen Fasernesselprojekte.

Selbst der jüngste Spross der Nesselforschung, die Züchtung neuer, ertragsstärkerer Sorten im Reagenzglas, greift auf seine Arbeit zurück.

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